Diese Erinnerungen eines 63-jaehrigen Berufsdiplomaten und Beamten, der sich hoffnungslos in eine 40-jaehrige Witwe verliebt, erschienen mir so voller anscheinend wirr aneinandergereihter Gedanken, das ich staendig Parallelen zu meinem eigenen Altersdenken entdeckte...
Da ich, mittlerweile fast 84, vor etwa 75 Jahren selber vier Jahre in Brasilien gelebt hatte und seltsamerweise die Sprache nie wirklich verlernt hatte, kam mir der Gedanke, auf eigenen Faust eine Uebersetzung in Deutsche zu versuchen.
(Ich sah uebrigens, das jemand anderes das auch schon getan hatte vor vielen Jahren - good on him! Aber ich wollte mich nicht beeinflussen lassen, also schaute ich sein Werk nicht an...)
Also, viel Spass mit dem Tagebuch!
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1888
9. Januar
Also gut: heute ist es ein Jahr her, seit ich endgueltig aus Europa zurueck kam. Was mir dieses Datum in die Erinnerung zurueck rief war, waehrend ich Kaffee trank, der Ruf eines Verkaeufers von Besen und Federwischen: "Hier Besen! Hier Federwische!" Ich hoerte das gewoehnlich an anderen Morgenden, aber diesmal brachte es mir den Tag meiner Ankunft ins Gedaechtnis, an dem ich pensioniert in mein Land zurueckkehrte, in mein Catete, zu meiner Sprache. Es war der gleiche Ruf, den ich vor einem Jahr gehoert hatte, 1887, und es war vielleicht der gleiche Mund.
Waehrend meiner dreissig oder so Jahre als Diplomat kam ich einige Male nach Brasilien, danke vielmals. Die meiste Zeit lebte ich ausserhalb, in verschiedenen Gegenden, und das nicht wenig. Ich trug Sorge, mich nicht erneut an dieses andere Leben zu gewoehnen. Dann schaffte ich es. Natuerlich erinnern mich andere Dinge und Personen von weit her, Ablenkungen, Landschaften, Gewohnheiten, aber ich sterbe nicht vor Sehnsucht nach irgendetwas. Hier bin ich, hier lebe ich, hier werde ich sterben.
Waehrend meiner dreissig oder so Jahre als Diplomat kam ich einige Male nach Brasilien, danke vielmals. Die meiste Zeit lebte ich ausserhalb, in verschiedenen Gegenden, und das nicht wenig. Ich trug Sorge, mich nicht erneut an dieses andere Leben zu gewoehnen. Dann schaffte ich es. Natuerlich erinnern mich andere Dinge und Personen von weit her, Ablenkungen, Landschaften, Gewohnheiten, aber ich sterbe nicht vor Sehnsucht nach irgendetwas. Hier bin ich, hier lebe ich, hier werde ich sterben.
*****
Fuenf Uhr nachmittags
Habe gerade einen Zettel von Schwester Rita bekommen, der hier folgt:
9. Januar
Erst jetzt erinnere ich mich, dass es heute ein Jahr her ist, seitdem Du pensioniert aus Europa zurueckgekommen bist. Es ist schon zu spaet, zum Friedhof Sankt Johann der Taeufer zu gehn, um das Familiengrab zu besuchen und fuer Deine Rueckkehr zu danken; ich werde morgen in der Fruehe gehen, und bitte Dich auf mich zu warten, um mit mir zu gehn. Gruesse von der alten Schwester
Rita
Ich sehe keine Notwendigkeit dafuer, antwortete aber, dass ich kommen werde.
10 Januar
Wir waren auf dem Friedhof. Rita, trotz der Freude des Anlasses, konnte einige alte Traenen der Trauer um den Gatten, der hier bei meinem Vater und meiner Mutter in der Grabstaette ruht, nich ganz zurueckhalten. Sie liebt ihn noch wie am Tag, als sie ihn verlor, vor so vielen Jahren. Im Sarg des Verstorbenen liess sie eine Locke ihrer Haare, damals noch schwarz, hinterlegen, waehrend die meisten hier draussen weiss wurden.
Unsere Grabstatt ist nicht haesslich; sie koennte um Einiges einfacher sein - eine Inschrift und ein Kreuz - aber was da ist ist schoen gemacht. Ich fand es zu neu, das ja. Rita laesst es jeden Monat abwaschen, und das hindert es am Altern. Nun, ich glaube, dass eine alte Grabstatt einen besseren Eindruck ihrer Bestimmung gibt, wenn sie die Schwaerzen der Zeit traegt, die alles vernichtet. Das Gegenteil scheint immer der Vorabend zu sein.
Rita betete davor fuer einige Minuten, waehrend ich meine Augen ueber die Graeber in der naehe schweifen liess. Fast alle trugen die alte Bitte des unseren " Betet fuer ihn, Betet fuer sie". Rita sagte mir hinterher, auf dem Rueckweg, dass sie gewoehnlich den Bitten der Anderen folgt und ein Gebet fuer alle, die da liegen, spricht. Vielleicht waere es das Einzige. Schwesterherz is eine gute Person, trotz ihrer Frohnatur.
Mein Eindruck des ganzen Friedhofs war der, den mir immer alle anderen gaben; alles dort war angehalten. Die Gebaerden der Figuren, Engel und andere, waren verschieden, aber unbeweglich. Nur einige Voegel gaben Lebenszeichen, sich gegenseitig suchend und im Geaest posierend, piepsend oder kehlig rufend. Die Buesche lebten still, in ihrem Gruen und ihren Blueten.
Schon nah am Tor, auf dem Nachhauseweg, sprach ich zu Schwesterchen Rita ueber eine Dame, die ich am Fuss einer anderen Grabstatt gesehen hatte, links vom Kreuz, waehrend sie betete. Sie war jung, schwarz gekleidet und schien ebenfalls zu beten, dabei die gekreuzten Arme haengen lassend. Das Gesicht war mir nicht fremd, aber ich kam nicht darauf, wer es sei. Sie ist huebsch und sehr sanftmuetig, wie ich von anderen in Rom sagen hoerte.
- Wo ist sie?
Ich sagte ihr wo sie war. Sie wollte sehen, wer es war. Rita, obwohl ein guter Mensch, ist neugierig, ohne jedoch den roemischen Superlativ zu erreichen. Ich antwortete ihr, wir sollten hier am Eingang auf sie warten.
- Nein! Sie koennte nicht so frueh kommen, lass uns sie von weitem beobachten. Ist sie so huebsch?
- So schien es mir.
Wir traten ein und faedelten uns auf einen Weg zwischen 'campas', natuerlich. In einiger Entfernung hielt Rita inne.
- Du kennst sie, o.k. Ich habe sie schon dort im Haus gesehen, vor Tagen.
- Wer ist es?
- Es ist die Witwe Noronha. Lass uns gehn bevor sie uns sieht.
Ich erinnerte mich schon, wenn auch nur undeutlich, an eine Dame, die dort in Andarai [altes inneres Wohnviertel von Rio] erschien und der Rita mich vorgestellt hatte und mit der ich einige Minuten sprach.
- Witwe eines Arztes, nicht wahr?
- Genau, Tochter eines Landbesitzers aus Paraiba do Sul, der Baron von Santa-Pia.
In diesem Augenblick lockerte die Witwe die gekreuzten Haende und schien gehen zu wollen. Zuerst liess sie die Augen schweifen, als ob sie sehen wollte, dass sie allein war. Vielleicht wollte sie das Grabmal kuessen, den Namen selbst ihres Gatten, aber es waren Leute in der Naehe, ausser der zwei Totengraeber, die eine Giesskanne und eine Hacke trugen und ueber ein Begraebnis an diesem Morgen redeten. Sie sprachen laut, und einer spottete zum Anderen, mit starker Stimme: "Waerst Du imstande, einen von denen auf den Huegel zu bringen? Nur wenn es vier von Deiner Groesse waeren". Sie sprachen natuerlich von einem schweren Sarg, aber ich wandte schnell meine Aufmerksamkeit wieder auf die Witwe, die sich entfernte und langsam ging, ohne sich nochmals umzuwenden. Hinter einem Mausoleum versteckt, konnte ich sie nicht mehr sehen, schon garnicht besser als am Anfang. Sie ging herab bis zum Ausgang, wo eine Strassenbahn fuhr, in die sie einstieg und fort fuhr. Wir gingen dann hinab und fuhren in einer anderen Strassenbahn fort.
Rita erzaelte mir dann Einiges aus dem Leben der jungen Frau, und vom grossen Glueck, das sie mit dem Gatten erlebt hatte, der hier seit zwei Jahren begraben lag. Sie lebten nur kurze Zeit zusammen. Ich weiss nicht welche boesartige Eingebung mich dazu brachte, diese Bemerkung zu riskieren:
- Das muss nicht heissen, dass sie nicht wieder heiraten wird.
- Diese heiratet nicht.
- Wer sagt Dir, dass sie es nicht tut?
- Sie heiratet nicht; es reicht, die Umstaende der Ehe zu kennen, das Leben, das sie fuehrten und den Schmerz den sie fuehlte, als sie verwitwete.
- Das hat nichts zu bedeuten, sie kann heiraten; um zu heiraten reicht es, Witwe zu sein.
- Aber ich habe nicht (wieder) geheiratet.
- Du bist etwas anderes, Du bist einmalig.
Rita laechelte, bedachte mich mit einem tadelndem Blick und geneigten Kopf, als ob sie mich "boshaft" nennen wollte. Gleich darauf wurde sie ernst, weil die Erinnerung an ihren Gatten sie ernsthaft traurig machte. Ich liess dem Geschehen seinen Lauf; sie, nachdem sie eine Reihe von freundlicheren Gedanken akzeptierte, lud mich ein, zu shen, ob die Witwe Noronha mich herate wuerde; ich wettete, dass sie es nicht taete.
- Mit meinen 62 Jahren?
- Oh, Du siehst nicht danach aus; Du hast die Frische eines Dreissigjaehrigen.
Kurz darauf kamen wir zuhause an und Rita fruehstueckte mit mir. Vor dem Fruehstueck fingen wir von Neuem an, von der Witwe und der Heirat zu sprechen, und sie wiederholte ihre Wette. Ich, mich an Goethe erinnernd, sagte zu ihr:
- Schwesterherz, Du willst mit mir die Wette zwischen Gott und Mephistopheles machen, kennst Du die?
- Kenne ich nicht.
Ich ging zu meinem kleinen Regal und zog den Band Faust heraus, oeffnete ihn auf der Seite des Prologs im Himmel und las ihr vor, den Text zusammenfasssend sogut ich konnte. Rita hoerte aufmerksam der Wette zwischen Gott und dem Teufel zu, was den alten Faust anging, den Diener Gottes, und den unabaenderlichen Verlust, zu dem der Kluge ihn bringen wuerde. Rita hat keine Bildung, aber sie ist klug, und in jenem Moment hatte sie hauptsaechlich Hunger. Sie antwortete lachend:
- Lass uns fruehstuecken. Ich will nichts von diesen Prologen noch von anderen hoeren; ich wiederhole, was ich gesagt habe und siehe, Du hast Dich korrigiert oder gehst besiegt dahin. Lass uns fruehstuecken.
Wir gingen fruehstuecken; gegen zwei Uhr kehrte Rita nach Andarai zurueck, ich schrieb dies hier und mache einen Spaziergang in der Stadt.
Rita betete davor fuer einige Minuten, waehrend ich meine Augen ueber die Graeber in der naehe schweifen liess. Fast alle trugen die alte Bitte des unseren " Betet fuer ihn, Betet fuer sie". Rita sagte mir hinterher, auf dem Rueckweg, dass sie gewoehnlich den Bitten der Anderen folgt und ein Gebet fuer alle, die da liegen, spricht. Vielleicht waere es das Einzige. Schwesterherz is eine gute Person, trotz ihrer Frohnatur.
Mein Eindruck des ganzen Friedhofs war der, den mir immer alle anderen gaben; alles dort war angehalten. Die Gebaerden der Figuren, Engel und andere, waren verschieden, aber unbeweglich. Nur einige Voegel gaben Lebenszeichen, sich gegenseitig suchend und im Geaest posierend, piepsend oder kehlig rufend. Die Buesche lebten still, in ihrem Gruen und ihren Blueten.
Schon nah am Tor, auf dem Nachhauseweg, sprach ich zu Schwesterchen Rita ueber eine Dame, die ich am Fuss einer anderen Grabstatt gesehen hatte, links vom Kreuz, waehrend sie betete. Sie war jung, schwarz gekleidet und schien ebenfalls zu beten, dabei die gekreuzten Arme haengen lassend. Das Gesicht war mir nicht fremd, aber ich kam nicht darauf, wer es sei. Sie ist huebsch und sehr sanftmuetig, wie ich von anderen in Rom sagen hoerte.
- Wo ist sie?
Ich sagte ihr wo sie war. Sie wollte sehen, wer es war. Rita, obwohl ein guter Mensch, ist neugierig, ohne jedoch den roemischen Superlativ zu erreichen. Ich antwortete ihr, wir sollten hier am Eingang auf sie warten.
- Nein! Sie koennte nicht so frueh kommen, lass uns sie von weitem beobachten. Ist sie so huebsch?
- So schien es mir.
Wir traten ein und faedelten uns auf einen Weg zwischen 'campas', natuerlich. In einiger Entfernung hielt Rita inne.
- Du kennst sie, o.k. Ich habe sie schon dort im Haus gesehen, vor Tagen.
- Wer ist es?
- Es ist die Witwe Noronha. Lass uns gehn bevor sie uns sieht.
Ich erinnerte mich schon, wenn auch nur undeutlich, an eine Dame, die dort in Andarai [altes inneres Wohnviertel von Rio] erschien und der Rita mich vorgestellt hatte und mit der ich einige Minuten sprach.
- Witwe eines Arztes, nicht wahr?
- Genau, Tochter eines Landbesitzers aus Paraiba do Sul, der Baron von Santa-Pia.
In diesem Augenblick lockerte die Witwe die gekreuzten Haende und schien gehen zu wollen. Zuerst liess sie die Augen schweifen, als ob sie sehen wollte, dass sie allein war. Vielleicht wollte sie das Grabmal kuessen, den Namen selbst ihres Gatten, aber es waren Leute in der Naehe, ausser der zwei Totengraeber, die eine Giesskanne und eine Hacke trugen und ueber ein Begraebnis an diesem Morgen redeten. Sie sprachen laut, und einer spottete zum Anderen, mit starker Stimme: "Waerst Du imstande, einen von denen auf den Huegel zu bringen? Nur wenn es vier von Deiner Groesse waeren". Sie sprachen natuerlich von einem schweren Sarg, aber ich wandte schnell meine Aufmerksamkeit wieder auf die Witwe, die sich entfernte und langsam ging, ohne sich nochmals umzuwenden. Hinter einem Mausoleum versteckt, konnte ich sie nicht mehr sehen, schon garnicht besser als am Anfang. Sie ging herab bis zum Ausgang, wo eine Strassenbahn fuhr, in die sie einstieg und fort fuhr. Wir gingen dann hinab und fuhren in einer anderen Strassenbahn fort.
Rita erzaelte mir dann Einiges aus dem Leben der jungen Frau, und vom grossen Glueck, das sie mit dem Gatten erlebt hatte, der hier seit zwei Jahren begraben lag. Sie lebten nur kurze Zeit zusammen. Ich weiss nicht welche boesartige Eingebung mich dazu brachte, diese Bemerkung zu riskieren:
- Das muss nicht heissen, dass sie nicht wieder heiraten wird.
- Diese heiratet nicht.
- Wer sagt Dir, dass sie es nicht tut?
- Sie heiratet nicht; es reicht, die Umstaende der Ehe zu kennen, das Leben, das sie fuehrten und den Schmerz den sie fuehlte, als sie verwitwete.
- Das hat nichts zu bedeuten, sie kann heiraten; um zu heiraten reicht es, Witwe zu sein.
- Aber ich habe nicht (wieder) geheiratet.
- Du bist etwas anderes, Du bist einmalig.
Rita laechelte, bedachte mich mit einem tadelndem Blick und geneigten Kopf, als ob sie mich "boshaft" nennen wollte. Gleich darauf wurde sie ernst, weil die Erinnerung an ihren Gatten sie ernsthaft traurig machte. Ich liess dem Geschehen seinen Lauf; sie, nachdem sie eine Reihe von freundlicheren Gedanken akzeptierte, lud mich ein, zu shen, ob die Witwe Noronha mich herate wuerde; ich wettete, dass sie es nicht taete.
- Mit meinen 62 Jahren?
- Oh, Du siehst nicht danach aus; Du hast die Frische eines Dreissigjaehrigen.
Kurz darauf kamen wir zuhause an und Rita fruehstueckte mit mir. Vor dem Fruehstueck fingen wir von Neuem an, von der Witwe und der Heirat zu sprechen, und sie wiederholte ihre Wette. Ich, mich an Goethe erinnernd, sagte zu ihr:
- Schwesterherz, Du willst mit mir die Wette zwischen Gott und Mephistopheles machen, kennst Du die?
- Kenne ich nicht.
Ich ging zu meinem kleinen Regal und zog den Band Faust heraus, oeffnete ihn auf der Seite des Prologs im Himmel und las ihr vor, den Text zusammenfasssend sogut ich konnte. Rita hoerte aufmerksam der Wette zwischen Gott und dem Teufel zu, was den alten Faust anging, den Diener Gottes, und den unabaenderlichen Verlust, zu dem der Kluge ihn bringen wuerde. Rita hat keine Bildung, aber sie ist klug, und in jenem Moment hatte sie hauptsaechlich Hunger. Sie antwortete lachend:
- Lass uns fruehstuecken. Ich will nichts von diesen Prologen noch von anderen hoeren; ich wiederhole, was ich gesagt habe und siehe, Du hast Dich korrigiert oder gehst besiegt dahin. Lass uns fruehstuecken.
Wir gingen fruehstuecken; gegen zwei Uhr kehrte Rita nach Andarai zurueck, ich schrieb dies hier und mache einen Spaziergang in der Stadt.
12. Januar
Im Gespaech mit Rita vorgestern vergass ich zu erwaehnen, was meine Frau betraf, die dort in Wien begraben liegt. Zum zweiten Mal schlug sie mir vor, sie hierher bringen zu lassen, zu unsererm Grabmal. Von Neuem sagte ich ihr, dass ich mich ihr (der Verstorbenen) sehr nahe fuehle, aber dass meiner Meinung nach die Toten sehr gut da aufgehoben seien, wo sie fallen; ich argumentierte, sie seien viel besser bei den Ihrigen.
- Wenn ich stebe, werde ich dahin gehen, wo immer sie sei, in der anderen Welt, und sie wird auf mich zukommen - sagte ich.
Sie laechelte und zitierte das Beispiel der Witwe Noronha, die ihren Mann aus Lissabon, wo er starb, nach Rio de Janeiro bringen liess, wo sie sicher enden werde. Dann sagte sie nichts weiter zu diesem Thema, wird aber wahrscheinlich darauf zurueckkommen, so lange, bis sie erreicht, was ihr vorschwebt. Schon mein Schwager pflegte zu sagen, das sei ihre Angewohnheit, wenn sie etwas wolle.
Etwas Anderes, was ich nicht schieb, war ihre Anspielung auf die Aguiars, ein Ehepaar, das ich bei meinem letzten Urlaub In Rio de Janeiro kennengelernt hatte und die ich jetzt wieder traf. Sie sind mit ihr (Rita) und der Witwe befreundet und werden in 10 oder 15 Tagen ihre Silberne Hochzeit feiern. Ich habe sie schon zweimal besucht, und der Ehemann hat mich besucht. Rita hat mir voller Sympathie von ihnen erzaehlt und riet mir, ihnen meine Aufwartung zu ihrem Jahrestag zu machen.
- Dort wirst Du Fidelia treffen.
- Welche Fidelia?
- Die Witwe Noronha.
- Die heisst Fidelia?
- So heisst sie.
- Der Name reicht nicht, um nicht zu heiraten.
- Umso besser fuer Dich, der die Person und den Namen besiegen wird und schliesslich die Witwe heiraten wirst. Aber ich wiederhole: sie wird nicht heiraten.
14. Januar
Die einzige Besonderheit der Biografie Fidelias ist dass der Vater und der Schwiegervater politische Feinde waren, (beide) Parteichefs in Paraiba do Sul. Die Feindschaft der Familien hat die Jungen nicht daran gehindert, sich zu lieben, aber man muss nach Verona oder Umgebung gehn. Und auch was Verona betrifft, so sagen die Kommentatoren, dass die Familien von Romeo und Julia vorher befreundet waren und der gleichen Partei angehoerten; man sagt auch, die haben nie existiert, ausser in der Fantasie von Shakespeare.
In unseren Bezirken, im Norden, im Sueden und im Zentrum, glaube ich, trifft nichts davon zu. Hier setzt die Opposition des Samens die der Wurzeln fort, und jeder Baum spriesst fuer sich selbst, ohne Zweige nach einem Anderen zu schicken, und ihm wenn moeglich den Boden zu sterilisieren. Ich selber, wenn ich zu hassen vermoechte, wuerde so hassen; aber ich hasse nichts und niemanden - perdono a tutti, wie in der Oper.
Nun, wie diese sich liebten - die Verliebten von Paraiba do Sul - das hat mir Rita nicht berichtet, und ich waere neugierig, es to erfahren. Romeo und Julia hier in Rio, zwischen der Landarbeit und der Rechtsberatung - weil der Vater unseres Romeo Anwalt in der Stadt Paraiba war - das ist einer jener Zufaelle, den man kennen muesste, um ihn zu erklaeren. Rita ging nicht auf diese Belanglosigkeiten ein; ich muss sie, wenn ich mich daran erinnere, danach fragen. Vielleicht verweigert sie das, im Glauben, ich fange bereits auf jeden Fall an, fuer die Dame zu sterben.
16. Januar
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Kaum kam ich aus der Banco do Sul heraus, so traf ich Aguiar, deren Geschaeftsfuehrer, der gerade hinein ging. Er gruesste mich sehr liebenswuerdig, bat um Neuigkeiten ueber Rita, und wir sprachen einige Minuten lang ueber allgemeine Dinge.
Das war gestern. Heute morgen erhielt ich ein Briefchen von Aguiar, womit ich im Namen seiner Frau und ihm selbst eingeladen wurde, am 24. zu ihnen zum Essen zu kommen. Es ist die Silberne Hochzeit. "Einfaches Abendessen mit wenigen Freunden", schrieb er. So wusste ich, dass es ein widerkehrendes Fest ist. Rita wird auch gehen. Ich entschloss mich, (die Einladung) anzunehmen und werde gehen.
20. Januar
Drei Tage im Hause festgehalten mit einer kleinen Erkaeltung, mit einem Hauch von Fieber. Heute geht es mir gut, und dem Arzt nach kann ich morgen schon hinaus; aber koennte ich zur Silbernen Hochzeit deralten Aiguiars gehn? Als vorsichtiger Fachmann riet mir Dr. Silva, ich solle nicht gehen; Schwester Rita, die mich zwei Tage lang umsorgte, war der gleichen Meinung. Ich habe nichts dagegen, aber wenn ich mich froehlich und robust fuehle, was moeglich ist, wuerde es mir schwer fallen, nicht zu gehn. Wir werden sehen, drei Tage gehen schnell vorueber.
*****
Sechs Uhr nachmittags
Ich verschwendete den Tag damit, in Buechern zu blaettern, und las noch einam besonders etwas von Shelley und auch von Thackeray. Der Eine troestete mich ueber den Anderen, der wiederum berichtigte meine Ansicht ueber Jenen; so vervollstaendigt die Findigkeit den Einfallsreichtum, und der Geist lernt die Sprachen des Geistes.
*****
Neun Uhr abends
Rita ass mir mir zu Abend; ich sagte ihr, ich sei gesund wie ein Hund und habe die Kraft, zur Silbernen Hochzeit zu gehen. Sie, nachdem sie mir Vorsicht geraten hatte, stimmte zu, falls ich nichts mehr habe, und an dem Abendessen teilnehmen wolle, koenne ich gehen, umsomehr, als meine Augen dort auf einer absoluten Diaet sein wuerden.
- Ich glaube, dass Fidelia nicht gehen wird - erklaerte sie.
- Sie nimmt nicht teil?
- Ich traf mich heute mit dem Tribunalrichter Campos, der mir sagte, er habe die Nichte mit ihrer gewoehnlichen Neuralgie verlasssen. Sie leidet an Neuralgien. Wenn sie auftreten, dauern sie tagelang, und sie verschwinden nicht ohne viele Mittelchen und viel Geduld. Vielleicht wirst Du sie morgen oder danach besuchen.
Rita fuegte hinzu, das sei fuer das Ehepaar Aiguiars ein ziehmliches Unglueck; sie rechneten mit ihr als einem der Anziehungspunkte des Festes. Sie haben sich sehr gern, die Beiden und sie, und ebenso sie die Beiden, und alle verdienen sich gegenseitig, so scheint es Rita, und das moege auch mein Eindruck werden.
- Das glaube ich. Schon jetzt, falls ich nicht verhindert werde, werde ich auf jeden Fall gehn. Auch mir scheinen die Aguiars gute Leute zu sein. Hatten sie nie Kinder?
- Nie. Sie sind sehr anhaenglich, Frau Carmo noch mehr als der Ehemann. Du kannst Dir nicht vorstellen, in welchem Masse sie jeder der Freund des Anderen sind. Ich besuche sie nicht sehr oft, weil ich mit mir selbst beschaeftigt lebe, aber die wenigen Besuche bei ihnen reichen aus, ihren Wert zu schaetzen, besonders den der Frau. Der Tribunalsrichter Campos, der sie seit vielen Jahren kennt, kann Dir sagen wie sie sind.
- Werden viele Leute beim Abendessen sein?
- Nein, ich glaube nur einige wenige. Der groessste Teil der Leute geht abends nachhause. Sie sind bescheiden, das Abendessen ist nur fuer die Intimsten, und deswegen beweist die Einladung an Dich grosse persoenliche Sympathie.
- Das habe ich schon gespuert, als man mich ihnen vorgestellt hat, vor sieben Jahren, aber damals glaubte ich, es sei mehr wegen des Gesandten als dem Manne. Als sie mich jetzt empfingen, war es mit grossem Genuss. Also gehe ich am 24. zu ihnen, ob Fidelia kommt oder nicht.
[Having lost a few pages in saving/updating the post, and without relevant help from G+ etc. I am loath to embark on the translation once more. But stay tuned...)
25. Januar
Da war ich also gestern bei der silbernen hochzeit. Mal sehn, ob ich meine Eindruecke des Abends jetzt zusammenfassen kann.
Sie koennten nicht besser sein. Der erste (Eindruck) war die Einheit des Ehepaares. Ich weiss, dass man von einem Fest von wenigen Stunden nicht sicher auf die moralische Situation von zwei Leuten schliessen kann. Natuerlich rief der Anlass wieder die Erinnerung an fruehere Zeiten hervor und die Zuneigung der Anderen hilft, die Eigene zu verdoppeln. Aber das ist es nicht. Es lebt in ihnen etwas, das hoeher ist, als die Gelegenheit, und sich von der allgemeinen Froehlichkeit unterscheidet. Ich fuehlte, dass die Jahre hier die Natur verstaerkt und gereinigt hatten, und das die beiden Personen, am Ende, eine Einzige waren und einzigartig. Ich habe das nicht gefuehlt, noch konnte ich das fuehlen sobald ich eintrat, aber es war das Ganze der Nacht.
Aguiar kam mich an der Tuer des Raumes empfangen - ich wuerde sagen, mit der Absicht einer Umarmung, wenn es das zwischen uns geben koennte und an solchem Ort; aber die Hand verrichtete diesen Dienst, indem sie die Meinige herzlich drueckte. Er ist ein Mann von 70 Jahren (sie ist 50), der Koerper eher rundlich als mager, beweglich, freundlich und lachbereit. Er brachte mich zu seiner Frau, auf der einen Seite des Raumes, wo sie sich mit zwei Freundinnen unterhielt. Fuer mich war die elegante Haltung der guten Alten nicht neu, aber diesmal gaben der Anlass des Besuchs und der Tenor meines Glueckwunsches gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas, das gut die Bezeichnung strahlend verdient. Sie reichte mir die Hand, hoerte mich an und neigte den Kopf, mit einem schnellen Blick zurueck auf den Ehemann.
Ich fuehlte mich als Ziel der Bemuehungen von beiden. Rita kam ein wenig nach mir; es kamen andere Maenner und Damen, die mir alle bekannt waren, und ich sah, dass sie mit dem Haus vertraut waren. Mitten im Gespraech hoerte ich diese unerwarteten Worte einer Dame, die zu einer anderen sagte:
- Ob es Fidelia schlechter geht?
- Kommt sie? fragte die andere.
- Sie liess ausrichten, dass sie kommen werde; es geht ihr besser; aber vielleicht faellt es ihr schwer.
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